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3. FASD-Fachtag vom 18. April 2018

Breites Themenspektrum und neue Sichtweisen auf FASD: Pädagogische Haltung und Wahrnehmung

Vom Gehirn über Wahrnehmung und Verhalten zur Pädagogik, auf diesen Dreiklang konzentrierte sich der 3. FASD-Fachtag am 18. April 2018 im Kulturzentrum der Abtei Brauweiler. 180 TeilnehmerInnen aus den Bereichen Jugendhilfe, Pflegestellen und Medizin/Therapie folgten aufmerksam den Vorträgen der Referenten.

Das Interesse und die Nachfrage an diesem Fachtag war groß, binnen zwei Wochen war die Veranstaltung ausgebucht. Für das Fachzentrum ein Beleg dafür, die richtige Themenwahl getroffen und diese auch mit den richtigen Referenten besetzt zu haben.

Dies zeigte sich auch in der Resonanz im Anschluss an den Fachtag. Es gab viele positive Rückmeldungen zu den Themen und Vorträgen - was jedoch nicht heißt, dass sich nichts mehr verbessern ließe.

Die NRW-Landesbehindertenbeauftragte als Schirmherrin

Besonderheit dieser Fachtagung war die Anwesenheit von Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderung sowie Patientinnen und Patienten in NRW. Ihr Credo: Prävention bei Mädchen und jungen Frauen bereits in der Schule sowie gute Rahmenbedingungen schaffen für Menschen mit FASD, und vor allem: Miteinander reden und sich vernetzen.

 

Die Vorträge im Einzelnen

Das Atelier im Kopf

Dr. Helmut Hollmann vom Kinderneurologischen Zentrum der LVR-Klinik Bonn führte in die Funktionsweise des Gehirns ein mit seinen zerebralen Leistungen und neuronalen Netzwerken - ein vielschichtiges Geschehen und Zusammenspiel aus elementaren Funktionen (z.B. Sinnesfunktion), die in Wechselwirkung mit komplexen Funktionssystemen (wie z.B. Kognition) stehen. Und diese wiederum beeinflussen beispielsweise die exekutiven Funktionen wie geistige oder Verhaltensweisen und daraus resultierende Handlungen. Jedes einzelne System ist mit anderen Systemen auf vielfältige Weise verknüpft. Wenn also auch nur eine elementare Funktion gestört ist, wirkt sich dies auf das gesamte, eng miteinander verwobene System „Gehirn“ aus.

Entwicklungsschädigungen des embryonalen Gehirns entstehen zum Beispiel durch Alkohol und andere toxische Substanzen. Neben den Hirnfunktionen sind in einer mehrdimensionalen Diagnostik jedoch auch Umwelteinflüsse, Genetik, Fähigkeitenprofil und Verhaltensphänotyp zu berücksichtigen, um eine auf das Kind und seine Familie abgestimmte Intervention planen zu können.

Unser Gehirn ist auch noch heute in Teilen ein Mysterium. So sind Fragen, wie und wo sich das „Ich“ oder „Selbst-Bewusstsein“ entwickelt, ungeklärt. So gehen die Neurowissenschaften davon aus, dass das Gehirn eine biologische Schaltzentrale ist und der Mensch vermutlich keinen freien Willen hat („über allem steht das Limbische System“). Wohingegen die Entwicklungspsychologie erklärt, dass das Selbstbewusstsein ein Produkt der Interaktion mit anderen ist. Oder liegt die Antwort doch in der Quantenphysik? Findet Hirnaktivität beispielsweise nicht im Gehirn, sondern im Raum zwischen miteinander wechselwirkenden Gehirnen statt? Ein spannender Ausblick!

Handout „Dr. Hollmann: Das Atelier im Kopf – Neuronale Netzwerke des Gehirns und Störungen bei FASD“

Verhaltensphänotypen

Dr. Reinhold Feldmann, FAS-Ambulanz der Tagesklinik Walstedde, konzentrierte sich auf die Frage, ob FASD nicht auch (oder ausschließlich?) am Verhalten diagnostizierbar sei. Dies würde die Diagnostik erheblich vereinfachen, zumal sich die mit dem Lineal messbaren facialen Auffälligkeiten bei FASD „rauswachsen“, und der Anteil der Kinder mit sichtbaren Auffälligkeiten ohnehin in der FASD-Gesamtheit nur einen kleinen Teil ausmache. Allen FASD-Betroffenen ist jedoch gemeinsam, dass sie von (unsichtbaren) Störungen der Exekutivfunktionen und Kognition betroffen sind und dadurch ein FASD-typisches Verhalten zeigen, das sich recht trennscharf von anderen Störungen wie ADHS oder Autismus abgrenzen lässt.

Besondere Aufmerksamkeit erzeugte eine Studie mit trächtigen Mäusen, denen in einer Versuchsanordnung Alkohol appliziert wurde. Diese Nachkommen waren erwartungsgemäß von FASD betroffen. Im weiteren Verlauf zeigte sich, dass die betroffenen FASD-Männchen ihrerseits FASD-Nachkommen gezeugt haben - mit einer gesunden Mäuse-„Mama“! Erklären lässt sich dieses überraschende Ergebnis durch die Epigenetik – dem Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und Genetik. Diese bestimmt mit, unter welchen Umwelteinflüssen (z.B. Alkohol) bestimmte Gene im DNS-Strang ein- bzw. ausgeschaltet werden. Tröstlich dabei: Die alkoholbedingte Veränderung in der Epigenetik ist nach mehreren Generationen wieder ausheilt. Hinweis: Diese Versuchsergebnisse beziehen sich ausschließlich und allein auf Mäuse und sind auf keine andere Spezies übertragbar!

Selbstwirksamkeit im Alltag mit Menschen mit FASD

Vielen Bezugspersonen ist der Spagat zwischen Ohnmacht und Selbstwirksamkeit bei FASD vertraut, zwischen „nur noch reagieren können“ auf das Verhalten des Menschen mit FASD, und manchmal auch einem guten Gefühl bei gelingenden Situationen.

Susanne Falke und Sabine Stein, beide im Fachzentrum für Pflegekinder mit FASD Köln tätig, stellten ihre pädagogisch-therapeutischen Handlungsstrategien bei beeinträchtigter Wahrnehmung vor mit dem Ziel, die Selbstwirksamkeit oder auch die Gestaltungskraft der Betreuenden und der Betreuten mit FASD zu stärken.

Besonderes Augenmerk erhält die positive, stärkenorientierte Haltung der Bezugsperson. Das Gute sehen zu lernen, FASD-bedingtes Verhalten nicht persönlich zu nehmen, eigene Befindlichkeiten zu artikulieren und dadurch Vorbild und Lernmodell für Menschen mit FASD zu sein, eigenes Verhalten und Situationen reflektieren – dies sind einige Bausteine auf dem Weg zu einer wertschätzenden Haltung. Denn der Bezugsperson kommt eine besondere Rolle zu: sie ist Vorbild (auch emotional), Strukturengeber für einen gelingenden Alltag und „Funktionsträger“ für den Menschen mit FASD.

Verhalten wird durch die Wahrnehmung beeinflusst, und diese Wahrnehmung ist bei FASD gestört, begründet durch die Alkoholschädigung des Gehirns. Sinnesreize können nicht bzw. nur eingeschränkt adäquat verarbeitet und beantwortet werden. Davon betroffen sind z.B. Fähigkeiten wie koordinierte Bewegung, Kraftdosierung, Handlungsfähigkeit, soziale Interaktion, Sprache, angemessenes Verhalten.

Diese individuellen Wahrnehmungsbeeinträchtigungen des Betreuten zu erkennen kann unangepasstes Verhalten - ausgelöst durch Überforderung - abmildern oder gar vermeiden helfen. Bezugspersonen sollten vorausschauend denken, in sensiblen Situationen proaktiv Hilfestellungen geben oder auch Funktionen übernehmen, die Menschen mit FASD selber nicht entwickeln können (z.B. externes Gehirn sein, Handlungen sehr kleinschrittig gestalten, Teilerfolge loben)

Vortrag „Selbstwirksamkeit im Alltag mit Menschen mit FASD“

„FASD in der Pflegekinderhilfe“ – Arbeitshilfe der Landesjugendämter NRW

Imke Büttner, LWL Landesjugendamt Fachberatung Pflegekinderhilfe, berichtete über Erfahrungen der Fachkräfte mit der Arbeitshilfe für Pflegekinderdienste ein Jahr nach der Einführung. Die Arbeitshilfe wurde überwiegend positiv bewertet, sie ermögliche ein strukturiertes Vorgehen, vermittle fundiertes Wissen und erleichtere die Arbeit der Pflegekinderdienste. Kritisch wurde angemerkt, dass die Fallzahlen pro Fachkraft jedoch zu hoch seien für eine engere Begleitung der Pflegekinder mit FASD. Frau Büttner sagte zu, dass Anregungen und Weiterentwicklungen zum Thema in einer Neuauflage eingearbeitet werden.

Vortrag "Ein Jahr FASD-Arbeitshilfe für PKDs"

Programm FASD-Fachtag 2018


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