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Problemfeld Sozialverhalten

Die sozialen Einschränkungen der Menschen mit FASD umfassen häufig:

Sozialverhalten

  • Sie können sich schlecht in andere hineinversetzen.
  • Sie treten anderen oft zu nahe, haben wenig Gefühl für Nähe und Distanz, verstehen die sozialen Codes nicht (Stimmungen, Gesten, Mimik, Körpersignale) und werden daher wenig akzeptiert oder abgelehnt.
  • Sie folgen der Bezugsperson (Eltern, Lehrer etc.) auf Schritt und Tritt
  • Sie stehen immer im Mittelpunkt stehen, fordern ständige Beachtung und Rückmeldung Erwachsener
  • Sie unterbrechen Gespräche/ fallen ins Wort, um etwas Unwichtiges weitschweifig zu erzählen
  • Sie haben keine Gefahreneinschätzung für sich und andere
  • Sie fangen an zu essen, obwohl noch nicht alle am Tisch sitzen
  • Sie beginnen ein unbekanntes, neues Spiel sofort, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht bzw. brechen eine gemeinsame Spielrunde abrupt ab.

Regelbewusstsein

  • sie folgen oft nicht den Anweisungen, wenn diese nicht klar und persönlich an sie gerichtet sind
  • sie können die Informationen, die sie erhalten, nicht verstehen und benötigen einen „Übersetzer“, der diese mit einfachen Worten und mehrfach erklärt
  • sie können eingeübte Lösungswege nicht auf neue Aufgabenstellungen übertragen und haben Probleme, Regeln umzusetzen und zu generalisieren

Vorwegnahme oder Berücksichtigung von sozialen Konsequenzen

  • sie können eigenes Verhalten und daraus resultierende Konsequenzen nicht reflektieren, sie sehen sich nicht als Verursacher von persönlichen oder interaktiven Problemen
  • sie können Handlungsketten nicht erkennen und verstehen
  • sie sind wenig kooperativ und kompromissbereit

Impulskontrolle

  • bei Überforderung schalten sie ab, ziehen sich zurück oder werden wütend, aggressiv oder trotzig
  • sie sind tätlich oder verbal aggressiv, zerstören oft Sachen
  • sie leiden meist unter einer geringen Aufmerksamkeitsspanne, erhöhter Aktivität und Impulsivität

Handlungsplanung

  • sie haben Schwierigkeiten, Dinge zu planen und strukturiert umzusetzen (Termine, Verabredungen, tägliche Aufgaben, kein Ordnungssinn)
  • sie „vergessen“ wichtige Informationen, über die sie – je nach Tagesform – später wieder verfügen können, z.B. Rechenoperationen in der Schule
  • sie erfinden Geschichten, um z.B. ihr schwaches Gedächtnis zu kaschieren
  • sie mögen keine Veränderung ihrer Gewohnheiten und/oder widersetzen sich

Antrieb und Eigeninitiative

  • sie verlieren schnell das Interesse an Dingen und Aktivitäten
  • sie sind antriebslos, haben wenig Eigeninitiative oder Ideen, wissen sich nicht zu beschäftigen

Verführbarkeit und Manipulierbarkeit

  • Sie werden angestiftet zu unerlaubten Dingen, vom Stören im Unterricht, über Diebstahl bis dahin anderen Schaden zuzufügen

FASD – die unsichtbare Behinderung

Menschen mit FASD erscheinen manchmal auch kompetenter als sie es tatsächlich sind. Mit ihren häufig sehr guten verbalen Fähigkeiten können sie kognitive Einschränkungen gut überdecken und so ihr Umfeld „blenden“. Sie führen große Reden, sind Partytalker – können angeblich alles und haben alles schon erlebt.
(nach Gela Becker et al: Suchtgefährdete Erwachsene mit Fetalen Alkoholsektrumstörungen, De Gruyter 2015).

Störungen im Sozialverhalten werden häufig nicht als Behinderung in Folge der pränatalen Hirnschädigung gesehen, sondern als schlechte Angewohnheit oder Erziehungsversagen. So stehen Menschen mit FASD permanent unter Druck, kognitiven und sozialen Erwartungen zu entsprechen. Dabei werden sie leicht überfordert und dies wirkt sich negativ auf ihren Gesundheitszustand aus. Überforderung kann erhebliche Spannungszustände auslösen und zu seelischen Störungen (v.a. Depressionen und Angststörungen), Suchterkrankungen und kriminellem Verhalten führen. So gehört chronische, wiederkehrende Ablehnung insbesondere von Gleichaltrigen mit zu den größten Risikofaktoren für die Entwicklung von psychischen oder anderen sekundären Störungen.

Auch Pflegeeltern geraten unter Druck, weil ihr Kind mit FASD unverständlich, unerzogen oder unangepasst reagiert, obwohl es augenscheinlich nicht anders ist als Gleichaltrige. Nicht selten erfahren Pflegeeltern offene oder versteckte Vorwürfe, weil sie ihr Kind vermeintlich stigmatisieren oder zu sehr behüten wollen. Die unsichtbare Behinderung kann daher zur Belastung des gesamten Familiensystems werden.

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